Xinjiang Hotan Mai 2004
Posted on 09/05/2004 by ansgarbaumert
Für den nächsten Abschnitt der Reise tat ich mich mit einem jugendlichen Kanadier zusammen, dessen Mutter chinesischen Ursprungs war und der deshalb China bereiste. Als Reisemittel wählten wir diese wundervollen kleinen Busse, die von Ort zu Ort fahren, wirklich sehr bequem. Man steht einfach am Straßenrand und muss nie lange warten, bis so ein freundlicher, altertümlicher und zumeist ziemlich heruntergekommener Bus vorbeikommt und den winkt man sich dann heran.
Irgendwann steigen wir in einem Dorf aus, weil uns der Hunger quält. Wir suchen lange vergeblich nach einem Restaurant. Auf der Suche kommen wir an einem Haus vorbei, das irgendwie den Eindruck auf uns vermittelt, möglicherweise ein Restaurant zu sein. Da es schon Nachmittag ist, sind wir nicht überrascht, dass niemand da ist. Wir rufen und eine Frau kommt. Wir versuchen, ihr klar zu machen, dass wir ein Restaurant suchen, woraufhin sie plötzlich verschwindet und uns etwas zu essen bringt, unter anderem einen großen Teller mit sehr leckeren Fladenbroten. Wir wundern uns zwar, dass wir uns nichts von einer Speisekarte aussuchen durften, waren aber hungrig genug, erst mal zu essen. Als es schließlich ans bezahlen ging, winkten die Leute heftig ab. Es stellte sich heraus, dass wir in ein Privathaus geraten waren. Man hatte uns die Reste des Mittagessens gebracht und betrachte unseren Versuch, etwas zu bezahlen als Missachtung der Gastfreundschaft.
Als wir nach dem Essen die Straße weiter herunter gingen, rief uns plötzlich eine alte Frau in ein wahrhaft baufälliges Gebäude. Die Decke wurde offensichtlich nur noch von zwei Baumstämmen oben gehalten. Außer ihr waren da ihr Sohn und ihr Enkel. Wir mussten uns setzen und die Frau verschwand für eine Weile und dann bekam jeder von uns einen Teller mit Nudelsuppe in die Hand gedrückt. Auf dem Schrank stand ein uralter Fernseher und das Innere eines Videorekorders. Das war der ganze Stolz der Familie und wir wurden genötigt, ein Video anzugucken. Ein skurilles Plastikteil entpuppte sich als Handspulgerät für die Videocassetten. Schließlich sahen wir ein bisschen von einem furchtbaren, alten Horrorfilm, mit Monstern, die Köpfe aufreißen und das Gehirn rausessen und so.
Am eindrucksvollsten auf der Reise war der Markt in Hotan. Es gab dort so viele Leute, das es einmal einen Fußgängerstau gab und ich fast 20 Minuten stehen bleiben musste, bis ich weitergehen konnte. Der Boden war manchmal so matschig, dass ich nicht durchgehen wollte, dann habe ich mich einfach auf einen vorbeifahrenden Eselskarren gesetzt, bin ein paar Meter mitgefahren und habe dem Fahrer vor dem Abspringen ein paar Kuai in die Hand gedrückt.
Schließlich fuhr ich über den sogenannten Cross-Desert-Highway, mitten durch die Taklamakan-Wüste zurück nach Urumuqi. Unterwegs gab es so einen Sandsturm, dass ich sehr froh darüber war, in einem klimatisierten Reisebus mit versiegelten Fenstern zu sitzen. Es kam trotzdem noch genug Sandstaub in den Bus, ich hätte aber nicht wissen wollen, wie das in einem normalen Bus gewesen wäre.
Ich hatte eigentlich 2 Tage eingerechnet, um mir Urumuqi anzugucken, aber die Stadt war mir auf Anhieb so unsympathisch, dass ich aus dem Stegreif eine Tour mit einer chinesischen Reisegruppe buchte. Mit einem 9-Sitzer fuhr ich also zusammen mit zwei chinesischen Pärchen, von denen das eine auf ihrer Hochzeitsreise war, zu einem See in Buerjin, gut 600 km nördlich von Urumuqi. Unterwegs schloss sich uns noch ein Japaner an, der gestrandet war und die Mitfahrgelegenheit nutzte. Wir übernachteten in einem Dorf. Abends stellte sich heraus, dass unser Fahrer eben an diesem Tag Geburtstag hatte und etwas unglücklich war, nicht mit seiner Familie feiern zu können. Also gingen wir zu unserem Herbergsvater und sagte ihm, wir wollten für den Abend ein Festmahl für ihn organisieren. Wir einigten uns, dass wir pro Person 200 Kuai bezahlten; dafür bereitete er ein komplette Schaf zu, zusammen mit jeder Menge anderer Gerichte und Bier und Schnaps inklusive. Und das wäre reichlich für so viele Leute, dass er das ganze Dorf einladen könnte. Das war ein Festmahl! Der Höhepunkt war, in Ermangelung eines Geburtstagskuchens, ein Omelette mit Kerzen, die der Fahrer unter dem Gejohle der Menge auspusten musste.
Am nächsten Tag guckten wir uns schließlich den See an, auf dem eine vielleicht einen knappen Zentimeter dünne Eisdecke noch an den Winter erinnerte (es war ja schließlich erst Mai). Diese Eisdecke war schon in eine ganze Reihe riesiger Schollen aufgebrochen, die sich jetzt an den Rändern so aneinander rieben, dass das das gesamte Tal mit einem so intensiven Geräusch erfüllte, wie ein Schnurren, das ich in meinem Leben nicht vergessen werde.




















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